Bildgeschichten | Malerei im Entstehen

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10.06.2019

25.06.2019

10.05.2019

17.01.2019

10.08.2018

20.11.2018

03.07.2017

23.07.2014

23.05.2013

06.02.2013

04.01.2011




Stillleben mit Wassermelone

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 0,90 x 0,88 m, 2018/19


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'Guck mal, ich hab Dir vom Türken aus der Mecklenburger Straße etwas mitgebracht! Ein echtes Schwergewicht. 'Meine Frau kam vom Einkauf ins Atelier. 'Ist das etwas für ein Stillleben?'

Nun ja, ich müsste sie zerschneiden, inszenieren und die vielen Stillleben mit Melonen aus der Geschichte der Malerei verdrängen. Das Bild sollte im Heute spielen.

Also baute ich mir im Atelier eine kleine Bühne auf, wartete auf das Abendlicht und zerschnitt die leicht längliche Wassermelone.

Irgendwie sah das brutal aus.

Das Aufschneiden einer Wassermelone erweckt seltsame Assoziationen. Das Fruchtfleisch vermittelt etwas Organisches. Eine Melone als Metapher für eine brutale Verletzung in Szene zu setzen, reizte mich.

Bitte nichts Süßliches. Obwohl ich die durstlöschende Süße dieser Melonen sehr schätze. Das in ihr verborgene Vitamin A ist gut für die Augen. Das gefällt mir als Maler.

Es soll auch für schöne Haut sorgen. Ich befürchte, diese Melone kommt bei mir zu spät.

Möge ihr Antioxidans mich vor Krebs schützen, damit ich noch ein paar Jahrzehnte munter weiter malen kann.

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Beim Malen begleitete mich das Hörbuch: 'Wut ist ein Geschenk' von Arun Manilal Gandhi.

© MWJ, Wismar, 10.06.2019





Bildnis Götz Barner

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 1,30 x 0,95 m, 2014/19


Götz Barner, Schmuckdesign Götz Barner, Schmuckdesign

Domenica Niehoff, Deutschlands prominenteste Prostituierte, war im Alter von 63 Jahren gestorben. Dies war am 12.02.2009 auch der ARD eine Tagesschaumeldung wert.

Von meinem Hamburger Atelierfenster aus sah ich wenige Tage später einem ‣ TrauerzugDomenica Niehoff, Trauerzug, Herbertstrasse nach. Er bog zu ihrem Gedenken in die Herbertstraße ab, in der sie einst gewerblich tätig war.

Der Fotograf Günter Zint, von dem es beeindruckende Domenica-Fotografien gibt, trug ein gemaltes Bildnis von ihr voran. Viele Bekannte reihten sich ein. In der Prozession fiel mir ein ganz in Weiß gekleideter Herr auf. Nie zuvor hatte ich ihn gesehen. Am Folgetag erschien von ihm im Hamburger Abendblatt ein Foto zum Thema Trauerzug. 'Der gefällt Dir, oder!', schmunzelte meine Frau.

Es dauerte Jahre bis ich ihn wiedersah.

Sommer 2014. Unverkennbar, dort sitzt er, der Dandy in Weiß. Welch ein Paradiesvogel. Wie wir frühstückte auch er zu später Mittagsstunde vor dem Kiezcafé Liebling auf St. Pauli. Ihn anzusprechen traute ich mich nicht, beobachtete ihn jedoch sehr lange. Am Abend entdeckte ich in der NDR-Mediathek einen Film über ihn. Danach fand ich seine Telefonnummer im Netz, rief ihn an und wir verabredeten uns, um im Cuneo bei Franca, die ich kurz zuvor portraitiert hatte, essen zu gehen. Es war ein interessanter Abend. Ihm erzählte ich, daß Malerei eine großartige Ausrede sei, um interessanten oder seltsamen Menschen zu begegnen. 'Falsch!' entgegnete er. 'Sie ist Anlaß!' Das gefiel mir.

Am Folgetag, als ich meine Fotoskizzen machen wollte, regnete es in Hamburg. Also gingen wir mit unserem Fotoequipment zu Heidi, unserer Lieblingsfriseurin an der Alten Rinderschlachthalle, und bauten dort im Salon die Scheinwerfer auf. Heidi fand das recht amüsant und Götz hatte viel Geduld mit mir.

Manchmal brütet man als Maler recht lange über einem Bildnis. In diesem Fall waren es mehr als zehn Jahre von der Idee bis zur Fertigstellung. Sollte sich jemand die Frage stellen, was Götz beruflich macht - Götz Barner ist Schmuckdesigner auf St. Pauli.

‣ Detail Götz Barner, Schmuckdesign

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In den letzten Tagen der Fertigstellung hörte ich im Atelier Musik vom ‣ Grammophon. Der folgende Song war auch dabei. Atelier-Grammophon

Decca Records / Cahn, Chaplin · 1938

Joseph! Joseph! · Ambrose and his Orchestra · Gesang Evelyn Dall

Aufnahme vom Atelier-Grammophon © Ambrose and his Orchestra

© MWJ, Wismar, 25.06.2019





Stillleben mit Löwenzahn

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 0,48 x 0,53 m, 2018/19


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Seit zwei Jahren haben wir einen Garten. Für mich war er anfänglich eine echte Bedrohung. Eine Art Unwesen ums Anwesen. Heute ist er Genuss. Niemals hätte ich gedacht, dass dieses pflegebedürftige Fleckchen Erde Einfluss auf meine Malerei nehmen würde.

Löwenzahn hat etwas Faszinierendes. Erblühen und Vergehen stehen unmittelbar nebeneinander. Sein Verblühen verweist hoffnungsvoll auf den nächsten Frühling. Die schwebenden, erstaunlich weite Strecken zurücklegenden Fallschirme seiner Pusteblumen luden mich als Kind zum Träumen ein.

Aber Löwenzahn ist auch hartnäckig - er hat keine Angst vor Asphalt oder Beton. In meiner Kindheit zeichnete ich ihn oft.

Auch die Bienen lieben diese seltsame Pflanze. Und was der Löwenzahn alles so kann: Der Saft der Stengel eignet sich zum Entfernen von Warzen und lindert auch den Schmerz nach Insektenstichen. Seine Wurzeln sind als Tee voll lecker.

Für die einen ist es Unkraut und das muss weg. Chemische Keule oder tiefe Wurzeln ausbuddeln, das ist die Frage. Es gibt andere, die denken bei Löwenzahn an ‣ das grosse Rasenstück Albrecht Dürer, Das grosse Rasenstück von Albrecht Dürer. Und ich denke bei Löwenzahn an leckeren Salat. In seinen Blättern verstecken sich Vitamin C und Provitamin A..

Nicht zu vergessen: Auf seinen Stengeln kann man Musik machen. Nun ja, es ist mehr ein Tröten.

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Beim Malen hörte ich Wolfgang Borcherts Erzählung: Die Hundeblume.

© MWJ, Wismar, 10.05.2019





Bildnis Franca Cuneo

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 1,05 x 0,77m, 2013/14


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Im Glauben, etwas zu verpassen, zogen meine Frau und ich 2009 für sechs Jahre von Wismar nach Hamburg. Nun wohnten wir auf St. Pauli, 37 Meter von der Herbertstraße entfernt. Mitten im Epizentrum deutscher Prostitution, in einer Loftwohnung über dem Hotel Hanseport Ecke Erichstraße.

Trotz des exorbitanten Trubels lebt es sich dort wie in einem Dorf. Am Tag hat der St. Paulianer viel Zeit. Die Geschäfte beginnen bei den meisten am Abend und enden nach exzentrischer Nacht im ermüdenden Morgen. Junggesellenabschiede verwässern den Partyrummel. Der soziale Zusammenhalt ist unter den Einheimischen noch groß. Mental ist man kompatibel. Wer hier wohnt, lebt oder auch arbeitet, gehört dazu, ist Teil eines sich schnell verschleißenden Getriebes. Die Dichte der Abgestürzten ist zunehmend. Selten hatte ich Gelegenheit, so tief in unsere menschlichen Abgründe zu sehen. Leicht findet man Zugang zu Bewohnern und Gästen. Fühlt sich so ein erfülltes, buntes Malerleben an? Gelegentlich habe ich dieses Gefühl. So war es auch, als ich die 87-jährige Kiezwirtin ‣ Erna Thomsen Realistische Malerei, Künstler heute, Realismus Kunst, Zeitgenössische Maler, Neue figurative Sachlichkeit, Porträtkunst realistisch, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Porträts, Stillleben, Bildende Kunst, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismar in Hamburg porträtierte.

Meine Frau macht beruflich Hafenplanung, sie ist Wasserbauerin. Das passt zum Ort. Wir arbeiten gern und oft bis in die Nacht. Hast Du schon etwas gegessen? Nein. Es ist bereits 24 Uhr! Lass uns ins Cuneo gehen, außerdem ist mir nach Rotwein. Wir gehen zwei Straßen weiter zu Franca.

Francas Cuneo liegt um die Ecke. 1905 begann ihr Großvater Francesco Antonio Cuneo hier das erste Speiselokal mit italienischer Küche in Deutschland zu etablieren. Zu dieser Zeit gab es in Hamburg Schilder an Häusern mit der Aufschrift 'Hunde und Italiener draußen bleiben!' In den ersten Jahren war das Lokal Destillation und Weinhandlung, durchlebte schwere und großartige Zeiten. Es blieb immer in Familienbesitz. Franca führt es heute in vierter Generation.
Die quirlige Stimmung im Ristorante erweckt nie erlöschende Neugierde in unseren Augen.

Oft sitzen wir hier spät nach der Arbeit, nachts nach Theaterbesuchen, treffen Freunde. Gern sind wir bei Franca zu Gast. Sie gibt uns das verzaubernde Gefühl, zu einer großen Familie zu gehören. Den Gästen schaut sie in die Augen und verliert dabei nicht das Gespür einer Regisseurin. Eine, die intuitiv an den richtigen Fäden zieht, um ihre Theaterbühne spannungsvoll mit Liebe zu bespielen. Den Spirit von einst hält sie ohne sich zu verbiegen aufrecht. Zu Arbeitsbeginn hört sie Paolo Contes 'Genova per noi'. Die Lyrik rührt mich oft zu Tränen und ich denke, er hat dieses Stück nur für sie geschrieben. Natürlich tat er das nicht, aber es passt 1:1 zu ihr und zu diesem Ort. ‣ Hier ist der Text in der deutschen Übersetzung sowie im italienischen Original zu lesen.

Von Franca war ich sofort begeistert. Ich liebe starke Frauen. Und so wurde bei schmackhafter Pasta mit Spinat und Rotwein der Wunsch, sie zu porträtieren, geboren.
Eine schüchterne Frage meinerseits. Franca sagte zu. So entstand ein intensives Bildnis, ein sinnlich leises.

Danke Franca!

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© MWJ, Wismar, 17.01.2019




Der Bremer Hahn

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 1,58 x 1,06 m, 2016/18


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Allerdings kamen Esel, Hund, Katze und Hahn nie bis Bremen. Die steinalte A Cappella Band annektierte ein Räuberhaus im Wald weit vor den Toren der Stadt. Seitdem leben sie mietfrei im Speckgürtel, musizieren erfolgreich auf Bremer Bühnen, benutzen Bremen im Bandnamen und bezahlen keine Steuern im Stadtstaat. Das hanseatische Bremen schmückt sich trotzdem gern mit diesem Märchen und den vier Steuerflüchtlingen aus der Hausbesetzerszene.

Die einst umstrittene Bronzeplastik der Stadtmusikanten von Gerhard Marcks aus dem Jahr 1953 steht stolz in Wahrzeichen-Konkurrenz zum Roland vor dem Bremer Rathaus. Jeder Asiate hat sie mindestens einmal aufgeregt berührt.

Bremen ist das kleinste deutsche Bundesland und bereits seit vielen Jahren hoch verschuldet.
Zu diesem Thema wollte ich gern etwas malen. Aber wie? Ein Pleitegeier vor dem Rathaus wäre trivial. Zu Geld habe ich nachweislich ein gestörtes Verhältnis, gehört also auch nicht ins Bild, und bloß keine Regional- oder Tagespolitik, so waren meine Gedanken.

Aber es gibt die Redensart 'Federn lassen'. Diese umschreibt den Zustand des Schaden Erleidens, des Geschädigt Werdens, meint, dass jemand Nachteile hinnehmen muss. Zu diesem Sinnbild suchte ich etwas für mein Bild zum Thema 'Verschuldung der Stadt Bremen'. Der Zufall wollte es, dass ich auf eine Zeichnung des großartigen englischen Tiermalers George Stubbs stieß. Eine sehr seltsame Zeichnung, 40,6 x 56,5 cm groß, erstellt im Spätbarock. Als hätte Stubbs sie speziell für mein Thema gezeichnet. ‣ Hier ist sie zu sehen.

Da war er plötzlich, der Hahn der Bremer Stadtmusikanten, der wegen der immensen Verschuldung der Stadt symbolisch Federn lassen musste. Er eilt, fast schwebend, auf steinigem Weg. Seiner Haltung sieht man die innere Verfassung nicht an. Er wurde nicht fett vor Frust, blieb sportlich und athletisch. Stolz und verschuldet. Ein nackter Hanseat ohne Federkleid.

Mein Dank gilt meinem Kollegen George Stubbs, der die Vorzeichnung zu meiner Bildtafel bereits um 1800 fertigte. Respekt. Ohne diese hätte es meine Verschuldungsgeschichte in dieser Form nie gegeben. Im Hintergrund türmen sich die Stadtmusikanten ohne Hahn vor dem Rathaus. ‣ Zur Bildentstehung

© MWJ, Wismar, 10.08.2018

Brüder Grimm · 1819

Die Bremer Stadtmusikanten

Sprecher: Johannes Ackner © www.vorleser.net





Familienbildnis

Lasur- und Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 1,85 x 1,93 m


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Dort stand er im Regal, der Fotoband 'NeoRealismo - la nuova immagine in Italia 1932-1960'. Eine umwerfende Zeit für die Schwarzweißfotografie. Auf dem Titel des Bandes ein Foto von Tranquillo Casiraghi - Gente della Torretta. ‣ Zur Fotografie. Tranquillo Casiraghi Gente della Torretta

Nie zuvor hatte ich dieses Foto gesehen. Mir stockte der Atem. Seltsam, ich verstehe es bis heute nicht. Dieses Foto ergriff mich zutiefst und sprach: 'In ähnlicher Komposition wirst Du Katharina und Ulrich malen!' Wir kauften zwei Kataloge. Einen für Katharina, sie ist Fotografin, wohnt nur wenige hundert Meter entfernt am gleichen Fundamente. Ich liebe ihr fotografisches Werk.

Meine Bildidee wurde akzeptiert. In derartigen Momenten bin ich sehr glücklich. Auch meine Frau und Muse stimmte zu. Bis zur Geburt des Bildes werde ich alles aufbringen, was es von mir verlangt. Lust, Liebe, Selbstzweifel, Geduld, Lebendigkeit, Verlorenheit, Hoffnung und Zuversicht.

Katharinas Mann ist Schauspieler, Musiker und Autor. Es sollte schwierig sein, einen gemeinsamen Termin fürs Modellsitzen zu finden. Sechs Monate später trafen wir uns in einem Hamburger Hotel. Da war nur ein Problem. Die von den beiden ausgewählte Kleidung war nicht vor Ort. Während ihres Zwischenstopps in Brüssel wurde der Flughafen durch einen Bombenalarm außer Betrieb gesetzt und die Koffer waren noch in Belgien. Also suchten wir neuen Termin – ein entspanntes Treffen im Frühjahr in Venedig. Katharina entdeckte zwischenzeitlich auf der Insel eine geeignete Wand für den Hintergrund der Tafel. Ich liebe es, wenn die zu Porträtierenden mitspielen. Dann wird das Bild zur gemeinsamen Inszenierung.

Glücklicherweise hatten beide, nach Jahren der Trauer über den Tod ihres Hundes Toto, gerade einen neuen Hund zu sich genommen. Unter dem Pianohocker lag die acht Wochen alte Eurasierhündin Peppina. Sie trug die gleiche Haarfarbe wie ich. Meine innere Stimme sagte mir: Sie gehört ins Bild. Ich male ein Familienbildnis mit drei eigenständigen Persönlichkeiten!

Wir nahmen uns einen Kaffeehausstuhl namens 'Kafka' und schlenderten durch den Sonntagnachmittag über die Giudecca hin zur maroden Wunschwand. Durch Bäume flackerten sonnige Lichtflecken. Reste eines tiefroten Wandanstrichs erweckten den Eindruck von heruntergelaufenem Blut. Anwohner bewunderten die junge Peppina mit den Blicken von Großmüttern, die erstmals ihr Enkelkind sehen.

Nach wenigen Stunden hatte ich die Fotoskizzen, die ich mir für mein lebensgroßes Familienbildnis erträumte. Welch Freude! Am Abend gingen wir essen. Es gab interessante Gespräche voller Leichtigkeit und schweren Rotwein.

Nachts im Traum begegneten mir die Drei in einem Theater dessen Drehbühne rustikal gepflastert war. In den Fugen der Pflasterung strömte Lava. Diese Traumwelt floss ins Bild ein. Sie passt zur Geschwindigkeit in der die Porträtierten leben.

Bedingt durch unseren Umzug von Bremen nach Wismar und die Bauarbeiten am Haus verzögerte sich die Fertigstellung. Nun ist die Tafel vollendet. Im Sommer bekommt sie den Schlussfirnis und wird 2019 erstmals in der Ausstellung ‣ 'John und Jürgens · Auf Augenhöhe' in Leer auf Schloss Evenburg in Ostfriesland präsentiert. ‣ Zur Bildentstehung

‣ Katharina John und Peppina in der Atelier-Galerie Jürgens in Wismar Realistische Malerei, Künstler heute, Realismus Kunst, Zeitgenössische Maler, Neue figurative Sachlichkeit, Porträtkunst realistisch, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Porträts, Stillleben, Bildende Kunst, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismar

© MWJ, Wismar, 20.11.2018





Bosse im Wald

Lasur- und Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 0,85 x 0,90 m, 2015/17


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Ich staunte. Was? Ja, das war einst ein lebendes Wildschwein.

Wildschweine hatte ich schon oft von weitem gesehen. Wir wohnten am Waldrand. Mein Opa hatte mir erzählt, dass Wildschweinmänner große Zähne an den Seiten haben mit denen sie gern Kinder aufpieken. Ich hatte große Angst vor ihnen. Sie erschienen mir immer wütend, auch unzufrieden, konnten verdammt schnell laufen und wühlten vor Neugierde viel umher. In einem Alptraum jagten sie mich noch Jahrzehnte später durch den dunklen Wald.

Aber das hier sollte der Rest von einem Wildschwein sein? Es erfüllte mich mit Trauer. Mehr sollte nicht bleiben wenn Tiere sterben? Oh es sind schon noch ein paar Knochen mehr. Du hast nicht alle gefunden.
Meine leise Frage war: Und wir, wir Menschen, was bleibt von uns? Mmh, so die Antwort, wer weiß das schon so genau.

Es gab Abendbrot und ich verstummte für den Rest des Tages.

Das war meine erste Begegnung mit dem Tod. Viele weitere sollten folgen. Aber an diese erste intensive fühle ich mich oft erinnert und wollte diese Erfahrung eines Tages in einem Bild erzählen. So suchte ich lange nach einem staunenden, knapp vier Jahre alten Jungen. Ich wollte nicht mich malen.

Von einem Spaziergang mit Schwiegermutters Hund brachte meine Frau mir vor einigen Jahren einen vom Hund gefundenen Wildschweinschädel mit. Ein Ameisenhaufen war nicht in der Nähe, also kochte ich den Schädel ab. Es stank fürchterlich.

Den Jungen in meinem Bild traf ich Jahre später.
Es ist der Sohn eines Kollegens meiner Frau. Er saß für dieses Bild im Atelier mit dem Wildschweinschädel Modell. Ihm erzählte ich meine Geschichte und dass der Schädel noch viele Jahre in einem Regal meines Kinderzimmers zu sehen war. Irgendwie standen ihm die Haare zu Berge und ich sah einen Mix aus Staunen und Erschütterung.

Als Bosse das Bild entstehen sah, meinte er: Du malst mich, aber ich saß doch gar nicht, nie saß ich in so einem Wald mit dickem Baum. Das war doch in deinem Atelier.

Ja, so ist Malerei. Alles ist möglich und irgendwie ist jedes Bild auch ein Selbstbildnis.

‣ Der Aufbau von Imprimitur, Untermalung und Lasuren im Überblick
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© MWJ, Wismar, 28.07.2017




Pietà

Lasur- und Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 0,80 x 2,00 m, 2014


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Die Auseinandersetzung mit Kommen und Gehen, Liebe, Verlust, Trauer, Leid und Tod ergreift irgendwann jeden Menschen. Gewollt oder ungewollt. Sie ist Bestandteil unseres Seins und trägt sicher unsere unumgängliche irdische Vergänglichkeit als Ursache in sich. Dass sich Gläubige diesem Thema spirituell annehmen ist nachvollziehbar. Seit es den Menschen gibt, setzt er diese Prozesse, Werte und Inhalte gestalterisch um. Otto Dix erkennt 'Die alten Themen sind die Besten'.

Je unruhiger sich mein Umfeld gestaltest, je hektischer die Gesellschaft sich formt und wandelt, die Demokratie in ihre Krise gerät, desto grösser wird meine Sehnsucht nach Ruhe und Andacht. Im letzten Jahr sah ich in Porto das Bild ‣ Mártir Cristão von Joaquim Vitorino Ribeiro aus dem Jahr 1879.

Wir, die Besucher des Museums, standen leise und andachtsvoll vor der Bildtafel. Sie berührte. Unfassbare Andacht. Stille. Meine innere Stimme sagte mir später: Das ist die Idee für eine eigene Pietà. Irgendwann male ich ein eigenes Andachtsbild. Gleiches fühlte ich schon oft beim Anblick der Werke von Giovanni Bellini in Venedig.

Als dann Monate später bei einer Modellsitzung zum Thema Lucretia mein Modell, des Inhalts wegen der Ohnmacht nahe, sich aufs Sofa legte und das getrunkene Wasserglas absenkte, war die Idee geboren. Das Glas ist leer und wird gleich zu Boden fallen. Und da waren die aufstrebenden Linien wie bei Ribeiro. Die Haare flossen dahin wie gelebtes Leben. Das Tattoo schlich sich als Tod in die Wesenheit und entrückte die Figur auf seltsam schwebende Art dem Jetzt.

Die nächsten Monate gehörten dem Thema Pietà. Warum sollte ich das mittelalterliche Thema nicht transformieren mit einem Menschen von heute? Oft dachte ich, vielleicht ist es die zurückgelassene Maria selbst. Der Gedanke gefiel mir und ich verlieh, trotz der gewählten Kälte des Bildes, dem Inhalt etwas Entschwebendes. Sofa, Stiefel und Kostüm sind eine merkwürdige Mischung verschiedener Zeiten und Inhalte. Willkommene Gründe für Irritation.

Reaktionen auf die Tafel gab es bisher nur im Atelier. Auffällig ist die Stille, die das lebensgroße Bild auslöst. Auch bei Menschen die nicht aus unserem Kulturkreis stammen. Meinungen und Äusserungen zur Tafel: Lebt sie noch? · Ich sehe die Schönheit des Seins, den vergehenden Schmerz und die Erlösung. · Woran ist sie gestorben? Am Verlust? · Hat sie sich vergiftet? · Ist ihre Seele noch hier? · Da schwingt auch eine erotische Komponente mit. Seltsame Mischung. · Der Welt entrückte Andacht. · Sehr sanft entschwebend. · Welch eine Ruhe. · Vielleicht auf der Party liegen geblieben?
Es gab auch empörte Newsletter-Abbestellungen aus den Vereinigten Staaten. ‣ Zum Video über die Bildentstehung


© MWJ, Bremen, 23.07.2014




Fehlende Bodenhaftung

Lasur- und Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 1,00 x 0,73 m, 2012/13


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Trotz aufkommender Gelassenheit stellt sich bei mir keine Gleichgültigkeit gegenüber politischen Tendenzen ein. Sollte ich als Maler politische Entwicklungen reflektieren? Die Antwort in mir lautet immer wieder: Bitte keine Tagespolitik. Such dir Metaphern!

In der venezianischen Accademia sah ich vor zwanzig Jahren erstmals die 'Madonna degli Alberetti' von Giovanni Bellini. ‣ Hier ist sie zu sehen, die Madonna mit dem Jesuskind gemalt 1487. Großes Theater vor einem einfachen Vorhang. Eine fesselnde Inszenierung, eine simple und zugleich geniale Bildidee. Für meine Stilleben entlehne ich diese gelegentlich.

Aus einem mehrwöchigen Venedig-Urlaub zurückgekehrt, sah ich in einem Tonkrug unserer Küche Kartoffeln keimen. Es waren recht lange Keime. Die Kartoffeln hatten ihre letzte Energie in der Hoffnung auf Zukunft geopfert. Leider werden sie in Kürze ohne Erdung vergehen. Ihnen fehlt die Bodenhaftung. Aber zuvor zeigen sie sich in gelber, grüner und purpurner Schönheit. Ein verzweifelter Griff nach Licht dem Tod entgegen. Es bot sich mir eine ebenso fesselnde Inszenierung wie die der Madonna mit dem Kind.

In der Politik geht es zunehmend weniger um Inhalte. Posten und Macht sind das Ziel, oft durchwachsen von gefährlicher Leere. Ein hilfloses Gerangel auf kalter Bühne in Richtung Kamera. Minister sind vielfach zu jung und unerfahren. Ihnen fehlen Geschichte, diplomatische Erfahrung und Gelassenheit. Und sie haben ein Zuviel an Glanz und einstudiertem Dauerlächeln. Ihnen fehlen ebenso wie meinen Kartoffen die Bodenhaftung. Und so vergehen sie recht schnell.

Da war die Metapher. Ein unförmiger roter Ziegelstein auf grünem Marmor wird zur Bühne für die letzte Reise. Bald kommen Asseln und Spinnen. Tod und Teufel wirken bereits im Hintergrund. Die Schönheit trügt. Es ist ein kurzes trauriges Aufbäumen, bevor der Vorhang fällt und der Grashüpfer weiter zieht. Wohl denen, die Erfahrung und Geschichte in sich tragen, denen die Bodenhaftung für die Zukunft gegeben ist. Diesen Menschen und Kartoffeln wünsche ich ein langes, erfülltes Leben voll farbenfroher Blüte und Schönheit.
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© MWJ, Bremen, 23.07.2014





Helmut Schmidt im 95. Lebensjahr

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 1,34 x 0,87 m, 2012/13


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Später, ich war 25, zog man mich gegen meinen Willen zum Wehrdienst ein. Ich landete bei der Transportpolizei. Als Helmut Schmidt 1981 mit dem Zug über die innerdeutsche Grenze nach Güstrow zu Erich Honecker fuhr, lag ich, wie unzählige andere, als Wachtmeister zu dessen Sicherung an der Bahnstrecke bei Bad Kleinen. Nie hätte ich gedacht, daß ich den rauchenden Kerl dort oben am Fenster des Speisewagens einmal malen würde.

Mein Hamburger Malerfreund Karmers lud mich 2005 zu dessen Ausstellungseröffnung ins Verlagshaus der ZEIT ein. Dort begegnete ich auf einem schmalen Flur Helmut Schmidt und dachte: ‘Seltsam, welch eine charismatische Gestalt‘.

Über die Jahre las ich seine Bücher. Beim Malen hörte ich seine Mozart und Bach-Interpretationen. Pianokonzerte mit dem London Philharmonic Orchestra und den Hamburger Philharmonikern. Diese spielte er zu seinen Bundeskanzlerzeiten ein.

2012, der Zufall wollte es, dass der ZEIT-Redakteur Urs Willmann mit seinem Schweizer Charme mir einen Termin bei Helmut Schmidt vermittelte.

Ich wurde gewarnt. Man mußte ihm gewachsen sein, seine langen Pausen, sein Schweigen nicht nur ertragen, sondern umgehend für neue Ideen nutzen. Speichellecker und Schleimer waren ihm zuwider. Er liebte den Widerspruch im Gespräch, war auch im hohen Alter hellwach und neugierig. Ich erinnere mich sehr gern an diesen musischen Menschen. Zudem war er ein großartiger Witzbold voller Humor.

Bevor er mir Modell saß, hatte er seine steinalte Zigarrenkiste, in der mehrere Schachteln Zigaretten lose Platz fanden, von seinem Schreibtisch geräumt. Schmidt mit Zigarette war auch nicht mein Thema. Ich wollte meinen Piloten in seinem Cockpit namens Wissen.

Mehr als ein Jahr nach Erstellung der Bildskizzen präsentierte ich ihm die fertige Bildtafel in seinem ZEIT-Büro. Seine mich verabschiedenden Worte waren: 'Malen Sie, malen Sie Herr Jürgens!‘ Vielen Dank, Herr Schmidt.

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© MWJ, Hamburg, 06.02.2013

Johann Sebastian Bach · BWV 1061: II. Adagio ovvero Largo

Klavier Helmut Schmidt · Christoph Eschenbach, Justus Frantz und die Hamburger Philharmoniker

Mit freundlicher Genehmigung © Deutsche Grammophon







Bildnis Ruth Rupp

Lasur- und Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 1,02 x 1,00 m, 2011


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Sechs Jahre später, im Hamburger St. Pauli Theater, hörte ich im Gehen eine lachende erwachsene Frauenstimme rufen: Verdammt, nun kippt mir wieder einer dieser Typen Rotwein in mein Dekolleté nur weil ich so klein bin. Mein Glas stoppte nur wenige Millimeter schräg vor ihr. Ich sah auf eine 154 cm große Frau. Wir saßen noch lange plaudernd im leeren Theater. Andere feierten an der Bar die Eröffnung der neuen Spielsaison, wir verabredeten uns. Ruths Worte: Wenn Du schon sechs Jahre hinter mir her bist, dann müssen wir das jetzt aber auch mal machen, das mit diesem Portrait.

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Nach einer Woche saß sie erstmals bei mir im Blankeneser Atelier. Ruth ist nun 85 Jahre alt. Nachdem sie acht Jahre lang ihre kranke Mutter gepflegt hatte, entdeckte sie mit neunundsiebzig Jahren das Schauspiel. Zunächst die Bühne und gelegentlich auch Film.

Vor dem Krieg studierte sie Musik und Gesang. Im zweiten Weltkrieg stand sie als Mädchen in Hamburg an der Flak. Unvorstellbar. Später war sie Kindermädchen für Landkarten-Falk in Blankenese. Dessen Tochter Karin fand sie, nach 49 Jahren, durch mein gemaltes Portrait über Google wieder. Das ist doch Ruth, mein Kindermädchen von einst. Ein Telefonat: Kann es sein? Ja! Nun besuchen sie sich von Zeit zu Zeit und sind zum zweiten Mal befreundet.

Somit ist Malerei wohl doch nicht ganz so sinnlos.

© MWJ, Hamburg, 04.01.2011

‣ Buch-Tipp: Die Ruth Rupp Biografie von Sven Rohde

‣ Zur Bildentstehung

Ruth Rupp singt Franz Schubert

Franz Schubert · 1797-1828

Der Wanderer an den Mond · Arrangement Roman Lemberg

Aus dem Film 'Der Wanderer' von Jakob Klaffs 2008 · Gesang: Ruth Rupp · Wanderer Ensemble: Jutta Spiegelberg, Lina Liu, Aviva Piniane, Karin Enzler · Klavier und Celesta: Roman Lemberg

Mit freundlicher Genehmigung © Jakob Klaffs



Ruth Rupp, 90

© Stern Nr. 39 vom 22.9.2016 | Protokoll Sven Rohde


Mein Alter merke ich erst seitdem ich 85 bin. Da brauchte ich einen Herzschrittmacher.

Gearbeitert habe ich als Sängerin, später als Kindermädchen, dann als Hauswirtschaftsleiterin in einem Krankenhaus. Als ich über 70 war, begann meine Karriere als Schauspielerin. Ulrich Tukur hatte mich überredet bei der 'Dreigroschenoper' mitzuspielen.

Altersvorsorge - mit 30 oder 40 war mir das Thema egal. Und dann haben sich glückliche Umstände gefügt. Gesetzliche Rente, dann eine Betriebsrente, die Leibrente aus dem Verkauf des Hauses.

Den Ruhestand zu planen finde ich albern und nutzlos. Es kommt sowieso anders.

Das Motto meines Lebens: Ich freue mich, dass ich leben darf - auch wenn es immer wieder schwer war. Mit Krieg, Vertreibung, dem plötzlichen Tod meines Partners. Wenn ich vorher gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich gesagt: Das überstehe ich nicht. Aber dann konnte ich es eben doch. Daraus schöpfe ich immer wieder neue Kraft.

Geld ist mir unwichtig.

Mein Rat für Jüngere: Das Leben ist so bunt und so reich, sucht es nicht auf euren Smartphones.